Historischer Gleichklang: Wenn Fastenzeiten verbinden – Ramadan und Passionszeit starten 2026 zeitgl
Dieser Gleichklang, der sich astronomisch aus der Differenz zwischen Mond- und Sonnenjahr ergibt und nur etwa alle 33 bis 34 Jahre vorkommt , wird von Religionsvertretern und Politikern als starkes Signal der Verbundenheit interpretiert. "Diese seltene Übereinstimmung lädt uns dazu ein, mit wachem Sinn all das wahrzunehmen, was uns miteinander verbindet", schreibt der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing, in einem Grußwort an muslimische Gläubige .
Kirchen senden starke Signale der Verbundenheit
Die Reaktion der Kirchen ist in diesem Jahr von ungewöhnlicher Geschlossenheit geprägt. Gleich mehrere evangelische und katholische Würdenträger haben sich mit Grußbotschaften an die muslimischen Gemeinden gewandt – eine Geste, die über das Übliche hinausgeht.
Die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Kirsten Fehrs, betonte die gemeinsamen Werte von Besinnung und Nächstenliebe. "Christinnen und Christen und unsere muslimischen Geschwister gehen in diesen Wochen ganz bewusst den Weg der Selbstprüfung und Versöhnung", erklärte die Hamburger Bischöfin. "Möge diese gemeinsame Zeit des Fastens uns im Glauben stärken und unseren Einsatz für Frieden und Zusammenhalt vertiefen" .
In Nordrhein-Westfalen haben acht katholische und evangelische Bischöfe gemeinsam ein Grußwort unterzeichnet. Präses Dr. Adelheid Ruck-Schröder von der Evangelischen Kirche von Westfalen betonte, die Haltung voller Achtsamkeit, Bereitschaft zum Teilen sowie Wachsamkeit für Gerechtigkeit und Frieden sei "von größter Bedeutung für unsere Gesellschaft" . Auch die Bischöfe von Berlin und Brandenburg, Heiner Koch und Christian Stäblein, übermittelten ihre Segenswünsche und riefen dazu auf, sich auf das zu besinnen, was Christen und Muslime verbinde: "Friedfertigkeit, Gerechtigkeit, Solidarität, Verantwortung füreinander" .
Politik entdeckt das verbindende Element
Auch aus der Politik kommen ermutigende Signale. Lamya Kaddor, Religionsbeauftragte der Grünen im Bundestag und selbst Muslimin, empfindet das zeitgleiche Fasten als "starkes Zeichen". Gegenüber dem Evangelischen Pressedienst sagte sie: "Beide Traditionen laden dazu ein, Maß zu halten, das eigene Leben zu prüfen und den Glauben nicht als rein privat zu verstehen, sondern in Beziehung zur Gesellschaft zu setzen." In einer pluralen Demokratie könne die zeitliche Nähe daran erinnern, "dass religiöse Praxis nicht trennt, sondern Brücken schlagen kann" .
Die derzeitige "Sieben Wochen ohne"-Fastenaktion der evangelischen Kirche steht in diesem Jahr unter dem Motto "Mit Gefühl! Sieben Wochen ohne Härte". Kaddor sieht darin einen politischen Nerv getroffen: "Im parlamentarischen Alltag wünsche ich mir tatsächlich weniger Schärfe um der Schärfe willen und mehr Bereitschaft zuzuhören" .
Der SPD-Politiker Hubertus Heil, selbst evangelisch, nutzt die Zeit für klassischen Verzicht: Er lässt bis Ostern Alkohol, Süßigkeiten und zu viele Kohlenhydrate weg – was ihm "nicht nur körperlich guttut, sondern auch seelisch" . Bundestagsvizepräsident Bodo Ramelow (Linke) denkt über ungewöhnlicheren Verzicht nach und überlegt, "ob ich eventuell Wahlkampf- und Parteitermine sowie Nachrichten faste" .
Unterschiedliche Traditionen – ähnliche Sehnsüchte
Trotz des zeitgleichen Beginns unterscheiden sich die Fastenpraktiken deutlich. Im Ramadan verzichten gläubige Muslime von der Morgendämmerung (Sahur) bis zum Sonnenuntergang komplett auf Essen, Trinken, Rauchen und sexuelle Aktivitäten . Das arabische Wort für Fasten, "Saum", bedeutet "Herz und Seele reinigen" und Platz für den Glauben schaffen . Erst wenn die Sonne untergeht, wird das Fasten beim gemeinsamen Iftar minutengenau beendet – oft mit Datteln, Wasser oder Milch, gefolgt von einem festlichen Mahl im Kreis der Familie und Freunde .
Die christliche Tradition zeigt sich pluraler. Während orthodoxe Kirchen weiterhin strenge Speisevorschriften kennen, markieren in der katholischen Kirche vor allem Aschermittwoch und Karfreitag besondere Fasttage. Im Protestantismus ist Fasten oft eine individuelle Entscheidung – Initiativen wie "7 Wochen ohne" laden dazu ein, bewusst auf Konsum, Gewohnheiten oder digitale Dauerpräsenz zu verzichten .
Trotz unterschiedlicher Regeln eint beide Religionen eine ähnliche Sehnsucht: Es geht um Selbstprüfung, Reduktion und die Frage, was wirklich trägt. "Fasten ist kein Rückzug aus der Welt. Es ist eine bewusste Auseinandersetzung mit ihr", kommentiert die Frankfurter Rundschau .
Soziale Verantwortung als gemeinsame Klammer
Beide Traditionen verbinden den persönlichen Verzicht mit sozialem Engagement. Im Ramadan gehört die Unterstützung Bedürftiger selbstverständlich dazu – das eigene Hungergefühl soll Empathie schärfen . Die Pflichtabgabe "Zakat-ul-Fitr", deren empfohlener Betrag bei etwa zehn Euro liegt, gilt als Reinigung und Ausgleich für Verfehlungen während des Fastenmonats . Auch in der christlichen Passionszeit sind Spendenaktionen und soziales Engagement fest verankert.
Bischof Bätzing verwies in diesem Zusammenhang auf die Friedensbotschaft von Papst Leo XIV. Wer durch das Gebet Herz und Verstand weite, öffne seine Augen für das Leid der Mitmenschen. "Dann ist Religion auch keine Barriere, sondern eine Ressource für den Frieden" .
Praktische Angebote: Gemeinsames Fastenbrechen
Die Verbundenheit wird vielerorts auch praktisch erlebbar. In Bayern laden zahlreiche Moscheegemeinden zum gemeinsamen Fastenbrechen (Iftar) ein, oft in Kooperation mit Kirchengemeinden . Öffentliche Iftar-Abende finden beispielsweise am 26. Februar in Augsburg (veranstaltet von Religions for Peace), am 6. März in Kempten (mit dem Sozialdienst muslimischer Frauen) und am 14. März in München (in der Evangelischen Olympiakirche mit dem Interkulturellen Dialogzentrum IDIZEM) statt .
Mehrwert: Fünf Perspektiven auf den besonderen Ramadan 2026
1. Die historische Dimension: Ein seltenes Himmelsphänomen
Dass Ramadan und Passionszeit zeitgleich beginnen, ist eine astronomische Seltenheit. Der islamische Kalender richtet sich nach dem Mond und hat 354 Tage – etwa elf Tage weniger als das Sonnenjahr. Deshalb wandert der Ramadan durch die Jahreszeiten und verschiebt sich jedes Jahr um etwa zehn Tage nach vorn . Dass er 2026 auf den Aschermittwoch fällt, ist eine Konstellation, die sich nur etwa alle 33 bis 34 Jahre ereignet . Wer diese Gelegenheit verpasst, muss sich also bis etwa 2059 gedulden.
2. Fastenzeiten im Vergleich: Ein Überblick
Merkmal Islamischer Ramadan Christliche Passionszeit
Dauer 2026 19. Februar bis 19. März 18. Februar bis 5. April
Fastenform Komplettverzicht auf Essen, Trinken, Rauchen und Sex von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang Individuell: Verzicht auf Genussmittel, Konsum oder Gewohnheiten; strenge Fasttage nur Aschermittwoch und Karfreitag
Religiöse Basis Fünf Säulen des Islam, göttliches Gebot (Koran) Freiwillige Übung zur Vorbereitung auf Ostern
Gemeinschaft Tägliches Fastenbrechen (Iftar) im Familien- oder Freundeskreis Gottesdienste, Kreuzwege, Passionsandachten
Soziale Dimension Pflichtabgabe Zakat-ul-Fitr für Bedürftige Spendenaktionen, Fastenopfer
Abschlussfest Fest des Fastenbrechens (Eid al-Fitr / Zuckerfest), 20.–22. März Ostern (5. April 2026)
3. Praktische Tipps: Wie Sie den Ramadan respektvoll begleiten können
Für Nichtmuslime, die Kollegen, Nachbarn oder Freunde während des Ramadans respektvoll begleiten möchten, hier einige Hinweise:
Verständnis zeigen: Fastende verzichten tagsüber auf Nahrung und Getränke – das kann anstrengend sein. Ein gemeinsames Mittagessen zu anderen Zeiten anzubieten, ist eine willkommene Geste.
Rücksicht nehmen: In der Mittagspause nicht ausdrücklich vor Fastenden zu schlemmen, zeugt von Empathie – auch wenn Fastende dies in der Regel nicht einfordern.
Gemeinsam feiern: Zum Fastenbrechen am Abend oder zum Zuckerfest (20.–22. März) kann man mit "Eid Mubarak" (arabisch) oder "Bayram mübarek olsun" (türkisch) gratulieren .
Offen sein für Einladungen: Viele Moscheegemeinden laden während des Ramadans zum öffentlichen Iftar ein – eine großartige Gelegenheit, ins Gespräch zu
kommen.
4. Die gesellschaftliche Bedeutung: Fasten als kultureller Einspruch
In einer Gesellschaft, die von Beschleunigung, Dauerkommunikation und Konsumlogik geprägt ist, wirkt Fasten wie ein kultureller Einspruch . Es setzt ein Stoppsignal, stellt die Frage nach Maß und Mitte und schafft Raum für Stille. Dass dies in diesem Jahr von Christen und Muslimen gleichzeitig praktiziert wird, ist mehr als ein Zufall – es ist eine Einladung, religiöse Praxis nicht als Trennlinie zu begreifen, sondern als gemeinsamen Erfahrungsraum.
Die zeitgleiche Besinnung kann gerade in Zeiten wachsender Polarisierung eine korrigierende Wirkung entfalten. Bischöfin Fehrs formulierte es so: "Wir brauchen allen religiösen Sachverstand und alle Glaubenskraft, um den Herausforderungen unserer Zeit zu begegnen" – dem Streben nach Frieden und der Überwindung gesellschaftlicher Gegensätze .
5. Ausblick: Die kommenden Ramadan-Termine
Wer den Ramadan 2026 für interreligiöse Begegnungen nutzen möchte, sollte auch die kommenden Jahre im Blick behalten :
Ramadan 2027: 7. Februar bis 8. März
Ramadan 2028: 27. Januar bis 25. Februar
Ramadan 2029: 15. Januar bis 13. Februar
Ramadan 2030: 5. Januar bis 3. Februar
Fazit: Mehr als ein Kalenderphänomen
Der gleichzeitige Beginn von Ramadan und Passionszeit im Februar 2026 ist weit mehr als eine astronomische Kuriosität. In einer Zeit, in der Religion oft als Konfliktfeld inszeniert wird, erinnert dieser Gleichklang an die verbindenden Motive der großen Religionen: Besinnung, Solidarität und Verantwortung. Die zahlreichen Grußworte und Dialogangebote von Kirchenvertretern und Politikern zeigen, dass diese Chance erkannt und genutzt wird. Es liegt nun an den Gemeinden und Gläubigen vor Ort, diese Einladung zum Gespräch und zur Begegnung anzunehmen.




