„Bürckel!“: Ein Solo-Stück über einen Nazi-Täter
05. May 2026
Hannelore Bähr spielt in einem Ein-Personen-Stück den brutalen NSDAP-Gauleiter Josef Bürckel. Ein Theaterabend, der die Frage nach der individuellen Schuld stellt.
Die Pfalz, 1944. Ein Mann steht im zerbombten Neustadt und hält eine Ansprache – noch immer voller Ideologie, aber mit brüchiger Stimme. Dieser Mann ist Josef Bürckel, der Gauleiter der Westmark, der hier einst als „Volksheld“ gefeiert wurde und der heute als einer der grausamsten Nazi-Funktionäre gilt. Schauspielerin Hannelore Bähr schlüpft in ihre Rolle und bringt den Zuschauern im Ein-Personen-Stück „Bürckel!“ diesen Täter nahe – ohne Verklärung, aber mit psychologischer Tiefe.
Das Stück: Ein Monolog der Radikalisierung
Regisseur und Autor Holger Runge hat aus Bürckels Reden, Briefen und Erinnerungen ein dichtes Textkorpus geschaffen. Bähr, bekannt für ihre intensive Bühnenarbeit, spielt nicht nur den Gauleiter, sondern auch die Stimmen seiner Umgebung – Untergebene, Gegner, Opfer. Das Stück folgt keinem chronologischen Schema, sondern springt in Zeitebenen: von Bürckels Aufstieg in den 1920er Jahren über die Judenverfolgung und die Deportationen bis zu seinem Selbstmord 1944.
- Bürckel war an der „Aktion Lauterbacher“ beteiligt, bei der tausende pfälzische Juden nach Gurs deportiert wurden.
- Er trieb die Eingliederung des Saarlandes ins Reich voran, später auch die Annexion Lothringens.
- Gegen Kriegsende wurde er von Hitler fallengelassen und nahm sich das Leben.
Warum gerade Bürckel?
Josef Bürckel ist keine anonyme NS-Größe, aber im öffentlichen Gedächtnis weniger präsent als Göring oder Himmler. Dabei war er maßgeblich an der Vertreibung der Juden aus der Pfalz beteiligt. Runge betont: „Wir zeigen keinen Dämon, sondern einen Radikalisierungsprozess – einen Funktionär, der in der NS-Maschinerie aufging und sie vorantrieb.“ Das Stück verzichte bewusst auf große Effekte, konzentriere sich auf den Text und die darstellerische Leistung.
Die Aufführungspraxis
„Bürckel!“ hat in den vergangenen Jahren mehrere Inszenierungen erlebt und läuft aktuell im Kulturzentrum Altstadt in Kaiserslautern. Die Spielzeit ist begrenzt, die Nachfrage hoch – vor allem bei Schulklassen und Geschichtsinteressierten. Bährs Darstellung polarisiert: Manche Zuschauer berichten von Gänsehautmomenten, andere von Diskussionen im Anschluss über die Grenzen der Darstellbarkeit von NS-Tätern.
Das Stück bietet keine Erlösung, es stellt Fragen. Darf man einen Täter so darstellen, dass man ihn verstehen kann, ohne zu verharmlosen? Bähr meint: „Wir müssen die Mechanismen verstehen, sonst wiederholen sie sich.“ Der Monolog wird so zum Spiegel – unbequem, aber notwendig.