Die diesjährige Verleihung des Henri Nannen Preises, der mit 35.000 Euro dotiert ist, fand am 6. Mai 2011 im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg statt. In der Kategorie „Reportage“ wurde René Pfister für seinen Beitrag „Am Stellpult“ ausgezeichnet – gestern hatte die Jury, der Anke Degenhard (Kuratorin und Galeristin), Peter-Matthias Gaede (Chefredakteur „Geo“), Elke Heidenreich (Journalistin, Schriftstellerin und Literaturkritikerin), Thomas Höpker (Fotograf und Dokumentarfilmer), Kurt Kister (designierter Chefredakteur „Süddeutsche Zeitung“), Giovanni di Lorenzo (Chefredakteur „Die Zeit“), Helmut Markwort (Herausgeber „Focus“), Mathias Müller von Blumencron (Chefredakteur „Der Spiegel“), Jan-Eric Peters (Chefredakteur der Welt-Gruppe), Andreas Petzold (Chefredakteur „Stern“), Ines Pohl (Chefredakteurin „taz“), Ulrich Reitz (Chefredakteur „Westdeutsche Allgemeine Zeitung“), Frank Schirrmacher (Herausgeber „Frankfurter Allgemeine Zeitung“) und Gerhard Steidl (Verleger) angehören, ihm den Erwin-Egon-Kisch-Preis aberkannt:
„Die Jury des Henri Nannen Preises hat in ihrer Sitzung am 5. Mai 2011 den Preis für die beste Reportage des Jahres 2010 (Egon Erwin Kisch-Preis) an den ,Spiegel‘-Reporter René Pfister für ein Porträt des bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer vergeben.
Nach der Jury-Entscheidung wurde durch eigene Bekundung Pfisters bekannt, dass die Eingangspassage der preisgekrönten Reportage, eine detaillierte Schilderung

von Seehofers Umgang mit seiner Modelleisenbahn im Keller seines Ferienhauses, entgegen dem Eindruck der Leser und aller Juroren nicht auf der eigenen Wahrnehmung des Autors beruht. Die Glaubwürdigkeit einer Reportage erfordert aber, dass erkennbar ist, ob Schilderungen durch die eigene Beobachtung des Verfassers zustande gekommen sind, oder sich auf eine andere Quelle stützen, die dann benannt werden muss.
Die Jury hat deswegen am 8. Mai die Reportage Pfisters und die Preisvergabe noch einmal intensiv diskutiert und am Ende mehrheitlich entschieden, ihr Urteil zu revidieren. René Pfister wird der Preis aberkannt.
Die Jury betont aber, dass sie keinen Zweifel an der Korrektheit von Pfisters Fakten hat. Von einer ,Fälschung‘ kann keine Rede sein. Zudem besteht der weitaus größte Teil der Reportage aus eigenen Beobachtungen Pfisters, die er bei wiederholten Begegnungen mit Seehofer und bei dessen Begleitung auf Reisen gewonnen und zu einem sprachlich wie dramaturgisch gelungenen Text verarbeitet hat.
Wenn aber eine Reportage als die beste des Jahres ausgezeichnet und damit als vorbildlich hervorgehoben werden soll, muss sie besondere Anforderungen erfüllen. Pfisters Text erfüllt diese Anforderung nach Ansicht der Jury-Mehrheit nicht“, heißt es in einer Jury-Erklärung die unter www.henri-nannen-preis.de veröffentlicht wurde.
Und so lautet die Reaktion der „Spiegel“-Redaktion auf die Aberkennung des Erwin Egon Kisch-Preises:
„Mit Unverständnis hat der SPIEGEL die Entscheidung der Henri-Nannen-Preis-Jury zur Kenntnis genommen, SPIEGEL-Redakteur René Pfister den Egon-Erwin-Kisch-Preis für seine Reportage (,Am Stellpult‘) abzuerkennen.
René Pfister hat in den ersten vier Absätzen seiner vier Seiten umfassenden Geschichte über Horst Seehofer das Hobby des CSU-Vorsitzenden geschildert, der in seinem Keller eine Märklin-Eisenbahn stehen hat. Die Informationen für den Einstieg beruhten auf Gesprächen mit Seehofer, dessen Mitarbeitern sowie SPIEGEL-Kollegen, die den Hobbykeller selbst in Augenschein genommen haben. An keiner Stelle hat der Autor behauptet, selbst in dem Keller gewesen zu sein.
Die Fakten der Eingangspassage sind zudem unbestritten.
In der Vergangenheit sind bereits öfter Geschichten mit dem Egon-Erwin-Kisch-Preis ausgezeichnet worden, die szenische Rekonstruktionen enthielten. Jede Reportage besteht nicht nur aus Erlebtem, sondern auch aus Erfragtem und Gelesenem.
Die Jury hat mehrheitlich entschieden, René Pfister den Preis abzuerkennen, ohne ihn selbst anzuhören oder Gelegenheit zur Stellungnahme zu geben.
Ein solcher Umgang mit einem untadeligen Kollegen widerspricht den Regeln der Fairness.“